Die Kälte
nutzen

Evolutionär gesehen gibt die kalte Jahreszeit Gelegenheit zur Einkehr, zur Ruhe, aber auch zur Regeneration. 

Weiterlesen

Von Paul Ebert, B.Sc.


D ie Temperaturen fallen, die Tage werden kürzer und die Natur zieht sich für ihren Winterschlaf zurück. Evolutionär gesehen gibt die kalte Jahreszeit Gelegenheit zur Einkehr, zur Ruhe, aber auch zur Regeneration. Kälte kann Grund für Krankheit sein, vermag es aber auch, unsere Gesundheit zu fördern. Eisbaden, Schneetreten und Wechselduschen: Praktiken, bei denen tiefe Temperaturen gezielt zum Einsatz kommen, um das Wohlbefinden zu steigern. Im vergangenen Jahrzehnt erfuhren sie einen regelrechten Boom. Doch worauf sollten Sie achten und was dürfen Sie erwarten, wenn Sie von diesen Methoden Gebrauch machen?

Kälte – für manche Menschen durchaus entbehrlich, für andere ein Segen. Pünktlich zum Anbruch der kalten Jahreszeit wollen wir die gesundheitlichen Vorteile genauer unter die Lupe nehmen, die niedrige Temperaturen mit sich bringen können. 

Vorab wollen wir uns in Erinnerung rufen, dass unser Blutkreislauf nicht nur dem Transport und der Kommunikation zwischen verschiedenen Geweben dient, sondern auch eine zentrale Rolle im Wärmehaushalt unseres Körpers spielt. Wie die Heizungsrohre eines Hauses transportieren Arterien warmes Blut aus dem Körperkern in die entlegenen Teile unseres Organismus, um eine Temperatursteigerung zu erzielen. Andersherum kann Blut in hautnahen Gefäßen der Arme und Beine Wärme an die Umgebung abgeben und bei seiner Rückkehr zum Zentrum kühlend wirken.

Halten wir uns zu lange und ohne die angemessene Kleidung in Umgebungstemperaturen unter 37 Grad Celsius auf, kühlt das zurückkehrende Blut unseren Körperkern zu stark und die peripheren Gefäße verengen sich reflexartig. Die Fließrate durch das verringerte Lumen nimmt ab, das Blut verweilt vermehrt im Zentrum, um lebenswichtige Organe zu erwärmen und deren Funktion zu sichern. Kühle Finger und Zehen sind also das Resultat eines Schutzmechanismus, uns ist kalt.

Achtung! 

Da auch kontrollierte Kältereize den Körper unter Stress setzen, ist es nur sinnvoll, diese während absoluter körperlicher Gesundheit durchzuführen. Sind Sie verkühlt, können niedrige Temperaturen den Krankheitsverlauf unnötig in die Länge ziehen. Sind Sie unsicher oder leiden an Vorerkrankungen, konsultieren Sie vor Beginn eines Programmes unbedingt einen Arzt.

Gezielte Kältereize können einige gesundheitsfördernde Effekte mit sich bringen. Ihr methodischer Einsatz fördert zum Beispiel die Durchblutung von Haut und Schleimhäuten. Nur optimal versorgte, feuchte Schleimhäute bieten einen guten Schutz gegen Krankheitserreger. Pathogene wie Viren und Bakterien können an ihnen schlechter haften und somit den Organismus nicht so leicht infizieren. Wird der Nasen-Rachen-Raum periodisch stärker durchblutet, können durch weitgestellte Gefäße vermehrt Zellen des Immunsystems transportiert werden, welche wiederum dem Eindringen von Krankheitserregern entgegenwirken. So hat 2016 eine Studie der deutschen Universität Jena gefunden, dass COPD-PatientInnen, welche regelmäßig mit kalten Güssen behandelt wurden, signifikant höhere Zahlen an immunrelevanten Zellen in exponierten Geweben aufwiesen.

Diese kontrollierte Kälteaussetzung kann auf unterschiedlichen Wegen stattfinden. Vom Tau- oder Schneetreten, kalten Güssen und Wechselduschen bis hin zum Eisbaden ist für alle etwas dabei. Es sollte darauf geachtet werden, dass mit milden Reizen begonnen wird und dann eine graduelle Steigerung erfolgt. Ist dem Prozess genügend Zeit gegeben, gewöhnt sich der Körper und die Kälteempfindung nimmt ab. Nur so lassen sich eine Abhärtung und ein Wappnen gegen Erkältungskrankheiten herbeiführen. Beginnen Sie an einem Punkt, an dem Sie noch sehr empfindlich auf Kältereize reagieren, raten ExpertInnen zu Wechsel-Fuß- oder -Armbädern. Erst dann empfiehlt es sich, zu kaltem Duschen von Füßen, Oberschenkeln und Armen fortzuschreiten. Sollten Sie gemäßigtere Methoden vorziehen, kann auch der Aufenthalt in tiefen Temperaturen sinnvoll sein. Naturspaziergänge in der kalten Jahreszeit regen den Kreislauf an und versorgen zusätzlich mit frischer Luft.

Tipp

Es empfiehlt sich, vor einem Kältereiz die Körpertemperatur minimal zu steigern. Kreislaufanregende Gymnastikübungen und Atemtechniken können Ihnen dabei helfen. 


Legen Sie vor Beginn schon warme Kleidung zurecht, um Ihren Körper danach schneller wieder auf Normaltemperatur zu bringen.

(Eis-)kalte Regeneration

Bekommen Sie schon beim Gedanken an klirrend kaltes Wasser Gänsehaut? Dann geht es Ihnen wie vielen Menschen hierzulande. Hingegen beruht das Winterbaden in Seen und Flüssen bei Außentemperaturen unter 0 Grad Celsius in Ländern wie Finnland, Russland und China auf einer langen Tradition. Bei SportlerInnen erfreut sich eiskaltes Wasser auch in unseren Breitengraden zunehmender Beliebtheit. Intensive Trainingseinheiten sorgen für die Ansammlung von Energiestoffwechsel-Abfallprodukten im Gewebe und können zu mikroskopisch kleinen Verletzungen des Muskels führen. Die durch den Kältereiz ausgelöste Durchblutungssteigerung schwemmt die Stoffwechselprodukte aus den Zellen. Zusätzlich hilft die Kälte, Mikroentzündungen durch Überlastung entgegenzuwirken und unterstützt den Muskel bei der Regeneration. Diese Vorteile können im Ausdauersport von besonderem Interesse sein.

Leichter abnehmen

Fettgewebe ist nicht gleich Fettgewebe. Physiologisch müssen wir zwischen zwei Arten unterscheiden. Weiße Fettzellen sind unsere klassischen Speicher, überflüssige Kalorien aus der Nahrung landen hier. Während viele Erkrankungen auf diese Art von Zellen zurückzuführen sind, hat ein gewisser (geringer) weißer Körperfettanteil auch durchaus seine Vorteile (siehe Fettsäuren-Artikel, 26. Ausgabe). Braunes Fettgewebe hingegen hat viele Mitochondrien, das sind die Kraftwerke unserer Zellen. Anstatt Energie zu speichern, verbrennt es sie, um Wärme zu generieren. Kälte regt diese Zellen zur Arbeit an. Wenn Sie Sport treiben, um das ein oder andere Kilo zu verlieren, kann Ihnen der Sprung ins kalte Wasser nach der Anstrengung durchaus bei Ihrem Vorhaben unter die Arme greifen.

Wechselduschen

Sollten Sie warm, kalt oder gar Wechselduschen? Kommt darauf an, was Sie erreichen möchten! Es folgt eine Auflistung der Vorteile, welche die unterschiedlichen Varianten mit sich bringen können. 

Warmduscher aufgepasst – mit diesen Auswirkungen dürfen Sie rechnen:

  • Warmes Wasser sorgt für eine Weitstellung der Gefäße. Es kommt zu einer Relaxation der Muskeln und somit zu einer Entspannung von Körper und Geist.
  • Der entstehende Wasserdampf unterstützt den Körper beim Bekämpfen von Erkältungen.
  • Es kann bei Schlafproblemen helfen. Wohlig warmes Duschen vor dem Schlafengehen führt zur effektiven Senkung der Körperkerntemperatur und der Botenstoff Melatonin wird ausgeschüttet, was zu einem rascheren Einschlafen führt.

Folgende Vorteile haben Menschen, die gerne unter kaltem Wasser stehen:

  • Heißes Wasser zerstört die schützende Talgschicht der Haut. Es folgt eine Austrocknung der natürlichen Schutzbarrieren gegen Krankheitserreger und somit steigt die Anfälligkeit für Ausschläge, Ekzeme und Hautunreinheiten. Für Neurodermitis-PatientInnen sowie Menschen mit Neigung zu trockener Haut besonders interessant: Kaltes Wasser strafft die Haut und sorgt für eine Schließung der Poren, wodurch einer Austrocknung effektiv entgegengewirkt wird.
  • Durch das kühle Nass wird der Kreislauf angeregt und der gesamte Organismus besser durchblutet. Dies ist auch interessant zur Vorbeugung von Krampfadern.
  • Die Haarwurzelzellen werden stimuliert und das Haupthaar wirkt gesünder und kräftiger.
  • Botenstoffe wie Noradrenalin und Endorphine werden vermehrt ausgeschüttet. Resultat: Kalt duschen hebt das Gemüt und wirkt depressiven Verstimmungen entgegen.

Und letztlich der Nutzen des Wechselduschens, also ein periodisches Ablösen von kaltem und warmem Wasser:

  • Wechselduschen gilt als Prophylaxe für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Da sich die Blutgefäße bei niedrigen Temperaturen zusammenziehen und bei hohen Temperaturen dehnen, kann man es als Training für die Gefäße sehen. Eine gesteigerte Elastizität von Arterien und Venen und eine Senkung des Blutdruckes können die Folge sein.
  • Es bietet Vorteile für Menschen mit chronischen Krankheiten. Die bereits erwähnte Studie der deutschen Universität Jena aus dem Jahr 2016 konnte durch Wechselduschen einen Anstieg von Lymphozyten im Blut von PatientInnen mit chronischer Bronchitis feststellen. Dies hatte den Rückgang von Atemwegsinfektionen zur Folge.

Schweißgebadet

Sauna, Infrarotkabine und Co.: Je tiefer die Außentemperaturen, desto mehr Menschen locken sie an. Kein Wunder, denn sie versprechen gesundheitsfördernde Aspekte für den Körper, Stressabbau und sogar positive Auswirkungen auf die Psyche. Wir wollen nun näher betrachten, wie sich Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit auf den Organismus auswirken können.

Bei solch hohen Umgebungstemperaturen, wie sie in der Sauna erreicht werden, erwärmt sich unsere Haut um bis zu 10 Grad Celsius und unser Körperkern um 1 Grad Celsius. Wir schaffen damit also die gleichen Bedingungen, welche bei Fieber im Körper vorherrschen. Dies hat zur Folge, dass Abwehrstoffe vermehrt gebildet und ausgeschüttet werden. Durch die gesteigerte Durchblutung der Gefäße werden auch mehr Immunzellen transportiert. Als Resultat steigt unsere Widerstandsfähigkeit gegen Krankheitserreger.

Durch die Hitze der Sauna werden die Schweißdrüsen angeregt. Unser Körper verwendet den Schweiß unter anderem zur Entgiftung der Haut, zusammen mit ihm werden Schadstoffe an die Umwelt abgegeben. Das warme Licht der Sauna kann der Winterdepression entgegensteuern und das Gemüt heben. Es empfiehlt sich, beim Saunieren regelmäßig Abkühlungen einzubauen. Dies schützt den Körper vor Überhitzung und resultiert in einem ausgezeichneten Training des Herz-Kreislauf-Systems. Studien bestätigen eine Verbesserung der Gefäßelastizität und positive Auswirkungen auf den Blutdruck.

Wim Hof macht’s vor

Alle, die sich mit den gesundheitsfördernden Effekten von Kälte auseinandersetzen, sollten den Namen Wim Hof schon einmal gehört haben. Es handelt sich um einen niederländischen Extremsportler und Mentor, welcher von den Medien liebevoll „The Iceman“ getauft wurde. Wim stellte in seinen 63 Lebensjahren bereits zahlreiche beachtliche Weltrekorde auf, im Fokus standen stets die tiefen Temperaturen. Ein Gipfelsturm des Kilimandscharos in nichts als Wanderschuhen und einer kurzen Hose, 66 getauchte Meter unter einer soliden Eisschicht und ein barfuß absolvierter Halbmarathon nördlich des Polarkreises – das Repertoire des Niederländers verleitet zum Staunen! Seine Erfolge schreibt der selbst ernannte Guru seiner Konzentrations- und Atemtechnik zu, der sogenannten Wim-Hof-Methode.

Unmittelbar bevor sich Wim Hof diesen Extremsituationen aussetzt, sieht man ihn im Schneidersitz und mit geschlossenen Augen, die Hände liegen auf den Knien. Danach atmet er mehrmals hintereinander tief und schnell ein, und schließlich hält er die Luft an. Dieser Zyklus wird so lange wiederholt, bis die Konzentration aufgebaut und der Körper somit auf die eisigen Temperaturen vorbereitet ist. Begleitet Wim stattdessen eine SchülerIn durch diese Routine, bietet der Meister ein wahres Schauspiel mit Trommelschlag und geheimnisvollem Mantra auf den Lippen. Es ist eine Freude, das mitanzusehen, doch lassen sich seine Methoden erklären? Oder gar auf Laien anwenden?

Genau das untersuchen WissenschaftlerInnen mit Wims bereitwilliger Zustimmung schon seit geraumer Zeit. Durch das rapide Ein- und Ausatmen, eine sogenannte Hyperventilation, wird das Blut mit Sauerstoff gesättigt. Gleichzeitig sinkt der CO2-Spiegel und es kann zu Kribbeln der Extremitäten kommen. Diesen Trick nutzen Menschen, die apnoetauchen, um die Zeit, welche sie unter Wasser verbringen können, drastisch zu erhöhen. Durch den periodischen Wechsel zwischen Atmen und Luftanhalten durchläuft die Herzschlagrate eine Variation, der Kreislauf wird also angeregt. Grundsätzlich scheint es dem Extremsportler aber um das Erreichen eines gewissen Mindsets zu gehen. Er nutzt den Durchlauf dieser Routine sichtlich, um seine Konzentration zu steigern. Eine mentale Vorbereitung und das Festigen des eisernen Willens, mit welchem er sich in extreme Situationen begibt.

Wim Hof bewirbt in seinem Programm das Eisbaden als enorm gesundheitsfördernd. Seine Methoden sollen dabei unterstützen, und wurden deswegen einfach annehmbar und leicht zugänglich aufgearbeitet. Doch Achtung, aus medizinischer Sicht sind sie nicht komplett ungefährlich! Den Kreislauf diesem Programm zu unterziehen kann auch unerwünschte Nebenwirkungen haben. Sollten Sie daran interessiert sein, sich an den Methoden zu probieren, tasten Sie sich langsam an den kompletten Zyklus heran. Überfordern Sie Ihren Körper nicht und ziehen Sie im Zweifelsfall vor dem Selbstversuch einen Arzt zurate.

Die Wim-Hof-Methode

Ablauf des Atemzyklus:

  • Begeben Sie sich an einen ruhigen Ort und legen Sie sich auf den Rücken. Finden Sie eine Position, in der Sie vollkommen entspannen können.
  • Nun wird tief durch den Mund ein- und ausgeatmet. Die Einatmung passiert bewusst und füllt zuerst den Bauchraum, dann die Brust. Das Ausatmen geschieht von selbst.
  • Nach diesem Muster wird nun 30-mal geatmet. Das 30. Mal wird komplett ausgeatmet und die Luft so lange angehalten wie möglich.
  • Danach wird einmal eingeatmet, tief ausgeatmet und der nächste tiefe Atemzug wieder so lange angehalten wie möglich.
  • Fühlen Sie sich nach dem ersten Zyklus wohl, können Sie ihn nun zwei weitere Male wiederholen.

Neben der Atemtechnik umfasst die vollständige Wim-Hof-Methode auch gezielte Kälte-/Wärmereize und Techniken um das eigene Commitment
(= Selbstverpflichtung) zu stärken.

Nächster Artikel

30-jähriges Jubiläum
Wie die Zeit vergeht … 2023 sind es 30 Jahre, seit Dr. med. Michael Ehrenberger den Grundstein für den heutigen Betrieb legte.
Lesen
Verein Natur heilt – Netzwerk für Kooperation mit und für Natur | Das Magazin | Ausgabe 28 - Winter 2022
Inhaltsverzeichnis    Impressum/Disclaimer    Datenschutz
© 2022 - Natur heilt!