Depressionen
und ihre
vielen
Gesichter

Die Depression ist bis heute ein schwer greifbarer Begriff, der immer noch Kopfzerbrechen bereitet.

Weiterlesen

Von Benjamin Ehrenberger, B. Sc.


Die Depression ist bis heute ein schwer greifbarer Begriff, der immer noch Kopfzerbrechen bereitet. Gezeichnet von einer langen Geschichte fragwürdiger Klassifikationen und ebensolcher Therapieansätze zeigt sie sich in vielfältigen Erscheinungsbildern, über die man im alltäglichen Leben nicht viel erfährt. Mehr darüber zu wissen kann aber ganz entscheidend für ihre Heilung sein – für die Betroffenen selbst und für ihre Angehörigen.

Nicht immer ist klar, an welchen Merkmalen man depressive Menschen erkennt. In unserer Vorstellung ist ein Depressiver vermutlich eine traurige, kümmerliche Gestalt. In sich gekehrt und teilnahmslos sitzt er – bildlich gesprochen – am Ufer und lässt den Fluss des Lebens an sich vorüberziehen. Doch eine ausgereifte Depression muss sich nicht unbedingt in einer permanent melancholischen Stimmung zeigen. Je nachdem, wie die Depression bei einem Menschen angelegt ist, kann sie auch durch ein dauerndes „Auf und Ab“ gekennzeichnet sein.

Ein Leben der Extreme

Bei der bipolaren Störung ist die traurige, zurückgezogene Phase nur die eine Seite der Medaille. In der „Hochphase“, der manischen Phase, hat man einen vermeintlich fröhlichen, hochaktiven, vor Energie sprühenden Menschen vor sich, ohne jede Spur von Traurigkeit und Melancholie. Man denke nur an den Schauspieler Robin Williams, dessen komisches Talent und sprühende Darstellungskraft kaum eine schwere Depression bis hin zum Selbstmord erahnen ließen. Die Depression kann also durchaus – so schwer begreiflich das auch ist – mit Phasen der Hochstimmung einhergehen. 

Viele wissen gar nicht um die Schwierigkeit der Diagnostik einer solchen bipolaren Störung. Bedingt durch den ständigen Wechsel zwischen manischen und depressiven Phasen fällt den Betroffenen meist eine Beschreibung und Einschätzung der Symptome schwer. Der Zeitpunkt der Diagnose spielt hier ebenfalls eine Rolle, denn in manischen Phasen neigen diese Patienten dazu, ihre Symptomatik herunterzuspielen oder gar nicht erst Hilfe zu suchen. Durch das Ausfallen des Arztbesuches in der manischen Phase entsteht für den Diagnostiker oftmals der Eindruck, es handle sich um eine unipolare Depression – der Mensch wäre dauernd down. Das wäre aber eine gefährliche Fehldiagnose, die durch die falschen Medikamente noch verschärft werden kann, denn bei der bipolaren Störung ist das Selbstmordrisiko um ein Vielfaches höher. Angehörige wissen um die Hochs und Tiefs, daher wäre es wichtig, ihre Beobachtungen in den Diagnoseprozess miteinzubeziehen. 

Im Irrgarten der Symptome

Symptome wie Gefühle der Verzweiflung, Bedrücktheit, Lustlosigkeit, Selbstzweifel sowie Schlaf- und Konzentrationsstörungen können kurzzeitig auftreten und dann durchaus eine angemessene Reaktion auf ein traumatisches Erlebnis oder eine Krise sein. Dauern sie über längere Zeit an und kommen Probleme bei der Alltagsbewältigung hinzu, können sie jedoch zu einer psychischen Störung werden. Sie wird als „depressive Episode“ bezeichnet. Positiv an dieser Bezeichnung ist, dass sie im Gegensatz zu „Depression“ einen zeitweisen Zustand impliziert, der auch wieder vorübergehen kann.

Bei einer depressiven Episode zählt man die Dauer und das Auftreten der Symptome und kann so ihren Schweregrad bestimmen. Das ist oft keine leichte Aufgabe, denn wie sich Depressionen auf Symptomebene manifestieren, kann sehr unterschiedlich sein. Es gibt Depressionen, bei der Betroffene vorwiegend von einer inneren Unruhe und Ängstlichkeit getrieben sind. Aussagen wie „Früher war alles besser“ sind bezeichnend dafür, wobei eine negative Sicht auf die Welt vordergründig scheint. Früher nannte man diese Form auch „Jammerdepression“, während wir sie heute als „agitierte Depression“ bezeichnen. Ein weiteres Erscheinungsbild der Depression kann sich in einem Verlust der Selbstständigkeit zeigen. Die Person ist von der ständigen Unterstützung einer Helferperson abhängig. Wir kennen diese Form als „resignierte Depression“, bei der außerdem eine verzerrte Zeitwahrnehmung vorherrschend sein kann. Betroffene empfinden die Welt als sehr schnell, während sie selbst kaum von der Stelle kommen. In anderen Formen der Depression können autodestruktive Verhaltensweisen überwiegen. Getrieben durch einen mehr oder weniger bewussten Selbsthass kommt es zu einem Lebensstil, der einer systematischen Selbstzerstörung gleicht.

Selbstzweifel und sich schuldig fühlen

Jede Depression kommt mit ihrer eigenen speziellen Dynamik, egal, ob sie aus einer stofflichen Unverträglichkeit entstanden ist, einer genetischen Weitergabe, viral bedingt ist (Borna-Virus) oder das Resultat problematischer Beziehungsmuster. Wer darunter leidet, verspürt oftmals ein beträchtliches Maß an Schuld, vor allem auch deshalb, weil diese Menschen eine große Belastung für ihr persönliches Umfeld darstellen und sich auch als solche erleben.

Als „Depressiver“ oder „Depressive“ abgestempelt zu werden und zusätzlich zu den ursprünglichen Symptomen das Leid der Stigmatisierung schultern zu müssen, ist verständlicherweise nicht gerade förderlich für das Selbstwertgefühl und daher etwas, das einer Besserung des Zustandes eher im Weg steht. 

Aus diesem Grund neigt man in der systemischen Psychotherapie dazu, zu sagen: „Du verhältst dich depressiv“, anstatt „Du bist depressiv“. Das hilft den Betroffenen oftmals dabei, ein positives Selbstbild zu wahren. Bei der Arbeit mit depressiven Kindern wendet man daher gern die Methode des Externalisierens an. Dabei wird die Depression nach außen verlagert und bildlich dargestellt. Ein Kind wird sozusagen vom „Traurigmachermonster“ überfallen, das die traurige Stimmung verbreitet. Dadurch kann nun auch leichter über die Depression gesprochen werden. Die Depression wird zu einer besser greifbaren Gestalt mit einer Form und Grenzen.

Mit Achtsamkeit gegen die Negativität 

Depressive Symptome sind oft schwer einzuordnen, da sie unglaublich vielschichtig sein können und bei fast allen mit großem Leidensdruck behafteten psychischen Störungen auftreten. So werden Angst- und Zwangsstörungen ebenfalls sehr häufig von depressiven Symptomen begleitet, weshalb eine Abgrenzung zur Depression hier oft schwerfällt. 

Grundlegend für den Zusammenhang zwischen Depression und anderen Störungen ist der Teufelskreis des negativen Denkens. Schlechte Stimmung führt zu negativen Gedanken, die sich vorwiegend auf die „schlechten“ Aspekte des Lebens konzentrieren. Im Vordergrund stehen die negative Selbstsicht, die negative Wahrnehmung des Umfelds und pessimistische Zukunftsgedanken. Ein Loslösen von dem „schwarzmalerischen Denkmuster“ scheint ohne Hilfe von außen fast unmöglich. Der altbekannte Grübelzwang legt weiter Holz nach, schürt das Feuer im Ofen der negativen Gedanken. Sich aus diesen Ketten zu lösen, kann selbst für den begabtesten mentalen Entfesselungskünstler eine große Herausforderung darstellen. 

Glücklicherweise gibt es Techniken, die einem dabei helfen können. Eine davon hat mit Achtsamkeit (auf Englisch „mindfulness“) zu tun. Dabei wird man sich der gegenwärtigen Befindlichkeit des eigenen Körpers, der eigenen Gefühle und Gedanken sowie der unmittelbaren Umgebung gewahr, ohne sich dabei überfordern, von starken Emotionen mitreißen oder übermäßig ablenken zu lassen. 

Wir sind nicht, was wir denken

Wir Menschen sind es gewohnt, ständig Kontrolle über unseren Körper, unseren Geist, unsere Umgebung und ja, nicht selten sogar über unsere Mitmenschen auszuüben. So ist es uns beispielsweise wichtig, dass unsere Frisur sitzt, wenn wir morgens in die Arbeit kommen, sich auf unserem Schreibtisch über Nacht keine leeren Kaffeetassen türmen und der Partner oder die Partnerin beim Essen des Karottensalates keine zu lauten Kaugeräusche von sich gibt. Auch sollen wir am besten keine negativen Gedanken über die Menschen haben, die uns nahestehen, verbieten es uns regelrecht, oft aus der Angst heraus, der negative Gedanke könnte sich manifestieren und wenn schon nicht die geliebte Person selbst, dann doch mindestens die Beziehung zu ihr trüben. Zu viele von diesen Gedanken können auf Dauer sehr schädlich sein – für einen selbst und die Beziehungen. 

Achtsamkeitsübungen können dabei helfen, diese Gedanken auf das zu reduzieren, was sie sind: nur Gedanken. Wir können unsere Gedanken nur schwer kontrollieren. Sie zu verdrängen kostet Energie und ist oft nicht effizient, da sie gern wiederkommen. Eine bessere Lösung ist, Distanz zwischen sich und den eigenen Gedanken zu schaffen. Dies könnte zum Beispiel so aussehen: Anstatt sich mit den Gedanken zu identifizieren und zu sagen „Ich bin traurig“, könnte man Distanz dazu einnehmen und sagen „Ich habe jetzt einen traurigen Gedanken“. Wer das ausprobiert, erkennt womöglich, dass es sich befreiend anfühlt. Wenn das Einnehmen dieser Adlerperspektive nicht gelingt, weil innere Zwänge vielleicht zu groß sind oder die Abgrenzung zu den Gedanken allgemein schwerfällt, kann man auch zu einer anderen Übung greifen. Ist die selbstkritische innere Stimme mal wieder dabei, einem die Stimmung zu verderben, kann man in den Spiegel sehen und sagen: „Schluss jetzt. Ich muss mir von mir selbst nicht immer alles gefallen lassen!“

Depression als Ruhephase

Obwohl Depressionen mit einem hohen Leidensdruck verbunden sind und Betroffene sich daher am liebsten von ihnen befreien würden, gibt es durchaus auch positive Sichtweisen. So kann eine Depression auch als Ruhephase verstanden werden, in der die Psyche auf eine stark stressbehaftete Umgebung mit Rückzug reagiert. Auch in der Natur finden wir Beispiele, die das veranschaulichen. Sehen wir uns einen Laubbaum im Winter an, so wirkt er recht karg. Die zahlreichen Blätter der Krone, die im Sommer noch im Wind tanzten, sind längst abgefallen. Die dunkle Silhouette der kahlen Äste und Zweige erinnert daran, dass die blühenden Momente des Lebens vergänglich sind. Doch hinter der kalten Oberfläche verbirgt sich eine schlummernde Kraft, denn der Baum ist nicht tot. Er befindet sich lediglich in einem Zustand der Ruhe und mobilisiert Lebensenergie im Inneren, sodass im Frühling neue Blätter sprießen können.

Das Abenteuer Leben

In seinem Gedicht „Von der Freude und vom Leid“ schreibt Khalil Gibran: „Eure Freude ist euer Leid ohne Maske. Und derselbe Brunnen, aus dem euer Lachen aufsteigt, war oft von euren Tränen gefüllt. Und wie könnte es anders sein? Je tiefer sich das Leid in euer Sein eingräbt, desto mehr Freude könnt ihr fassen.“ Oftmals sind es die Tiefpunkte des Lebens, an denen wir die Höhen wirklich messen können und zu schätzen lernen. Unserem Leid auf diese Weise Sinn zu geben, kann etwas sehr Befreiendes sein. Es ist gerade dieser Kontrast zwischen Hoch und Tief, Spannung und Entspannung, Freud und Leid, der dem Leben sein vielfältiges Spektrum verleiht und Herausforderungen für uns bereitstellt, deren Überwindung uns erst zu wahrer innerer Größe verhilft. 

Hilfe aus der Natur

Vitamin-B 
Komplex forte

Bei den oben genannten, themenbezogenen Produkt-Tipps handelt es sich um bezahlte Einschaltungen der Dr. Ehrenberger Synthese GmbH.

Nächster Artikel

Resilienz – Immunsystem der Psyche
Es ist seine Aufgabe, uns vor Krankheitserregern zu schützen. Tag für Tag. Unser Immunsystem.
Lesen
Verein Natur heilt – Netzwerk für Kooperation mit und für Natur | Das Magazin | Ausgabe 24 - Winter 2021
Inhaltsverzeichnis    Impressum/Disclaimer    Datenschutz
© 2021 - Natur heilt!