Schlaf
und
Hormone

Hormone sind wie körpereigene Postboten, die Nachrichten überbringen und somit unser Gehirn beim Dirigieren unterstützen.

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Von Paul Ehrenberger-Ebert


Hormone sind wie körpereigene Postboten, die Nachrichten überbringen und somit unser Gehirn beim Dirigieren unterstützen. Die Nacht ist eine Zeit, in der diese einzelnen Vorgänge koordiniert und reguliert werden. Gönnt man seinem Körper also zu wenig Schlaf, fehlt nicht nur die Erholung, es entgleisen viele weitere wichtige Regelkreisläufe. Doch welche Hormone sind überhaupt nachtaktiv, und welche Aufgaben übernehmen sie?


Schlafhormon Melatonin

Zweifelsohne ist das prominenteste „Schlafhormon“ das Melatonin. Diesen Beinamen verdient es, weil es maßgeblich an der Steuerung des Schlaf-wach-Rhythmus beteiligt ist. Interessant ist: Die Erzeugungsrate des Hormons ist stark abhängig vom Tageslichtgehalt der Umgebung! Die Biosynthese beginnt bei der Aminosäure Tryptophan, geht über das Glückshormon Serotonin und endet schließlich beim Melatonin. Produziert wird der Schlaf induzierende Botenstoff sowohl im Gehirn und im Darm als auch in der Netzhaut des Auges. Melatonin spielt allerdings nicht nur im Schlafrhythmus eine wesentliche Rolle. Zusammen mit anderen Hormonen nimmt es Einfluss auf das Immunsystem, die mentale Leistungsfähigkeit, den Blutdruck und vieles mehr. 


Ein Hormon kommt selten allein . . .

Der Körper verwendet die Blutgefäße als Transportbahnen, um körpereigene Botenstoffe in entlegene Gewebe zu schleusen und Signalkaskaden in Zellen gezielt auslösen zu können. Nachdem man bei hormonellen Wirkungen immer das ganze System Mensch betrachten muss, findet man oftmals Interaktionen zwischen Hormonen – dass sie sich gegenseitig stimulieren oder hemmen, ist im Hormonsystem keine Seltenheit.


Cortisol – Stresshormon oder Schutzschild?

Cortisol ist neben Adrenalin allgemein bekannt als das „Stresshormon des Körpers“. Zu Unrecht hat Cortisol keinen allzu guten Ruf, denn neben dem Aufwecken in der Früh hat es weitere grundlegende Aufgaben und ist sogar überlebensnotwendig. Cortisol mobilisiert körpereigene Energievorräte und hemmt das Immunsystem, um Entzündungsreaktionen zu unterbrechen. Zusammenfassend ist Cortisol treffender als das „Schutzschild des Körpers“ zu bezeichnen.


Melatonin und Cortisol bestimmen den Schlaf-wach-Rhythmus

  • Abends beim Einschlafen steigt der Melatonin-Spiegel, bis man müde wird und einschläft – jeder kennt das klassische „Augenzufallen“ beim abendlichen Fernsehen. 
  • Morgens schüttet der Körper das aktivierende Cortisol aus. Der Hormon-Spiegel steigt langsam an, bis man erwacht.
  • Die Cortisol-Konzentration im Blut steigt auf einen Tageswert, der gehalten wird, um Leistungsfähigkeit zu gewährleisten. 
  • Abends drosselt der Körper die Cortisol-Produktion und Melatonin wird freigesetzt – das Spiel beginnt von neuem.

Über Nacht zum Riesen

Schon mal was vom Human-Growth-Hormon gehört? Wenn nicht, dann könnte das an seiner Namensvielfalt liegen – es ist nämlich auch bekannt als Somatropin oder Somatotropes Hormon, es kursieren zahlreiche weitere Bezeichnungen. Wie der Name schon verrät, sorgt dieses Hormon für den Aufbau von Muskeln und das Längenwachstum der Knochen. Die Hypophyse (Hirnanhangsdrüse) schüttet diesen Botenstoff in den nächtlichen Tiefschlafphasen aus. Gerade für Kinder und Jugendliche ist Somatropin von zentraler Bedeutung. Man könnte sagen, dass sie dank dem Hormon über Nacht wachsen. Deswegen sollte eine erholsame Nacht mit ausreichend Schlaf gerade in jungen Jahren einen hohen Stellenwert haben. Obwohl die Somatropin-Produktion im jungen Erwachsenen-Alter abnimmt, kurbelt die nächtliche Ausschüttung ein Leben lang die körpereigenen Erholungsprozesse an.


Sich „schlank schlafen“ – funktioniert das?

Abnehmen im Schlaf, das klingt schon fast utopisch. Unzählige Wundermittel und Radikaldiäten versprechen, genau das erreichen zu können. Wobei die Vorstellung tatsächlich phantastisch ist: am Morgen aufwachen und das eine oder andere Kilo leichter sein. Ganz so einfach ist es leider nicht. Doch Fakt ist, dass in der Nacht Hormon-Spiegel ausgeglichen und angepasst werden, wodurch der tägliche Energiestoffwechsel maßgeblich beeinflusst wird. Zwei weitere Hormone spielen hier herein: appetitzügelndes Leptin und appetitanregendes Ghrelin. Leptin, gebildet in den Zellen der Fettdepots, wird während der nächtlichen Ruhe ausgeschüttet, um so das Hungergefühl zu dämpfen und die Nährstoffaufnahme an den verringerten Energiebedarf anzupassen. Im Laufe des Morgens wird die Leptin-Produktion dann heruntergefahren, während vermehrt das gegenspielende Hormon Ghrelin ausgeschüttet wird. Untertags sorgt es dafür, dass eine adäquate Nährstoffaufnahme gewährleistet wird. Ausreichend Schlaf hilft also auch dabei, einen geregelten Leptin-Ghrelin-Zyklus zu halten. Auch wenn hier die Meinungen der Fachleute auseinandergehen, wird vermutet, dass bei Schlafmangel vermehrt Ghrelin produziert wird, wodurch die altbekannten nächtlichen Heißhungerattacken gefördert werden.

Eine Information am Rande: Auch wenn dies anfangs paradox erscheint – stark übergewichtige Menschen haben aufgrund der gut gefüllten Fettspeicher auch einen hohen Leptin-Spiegel im Blut! Zirkuliert jedoch eine große Menge des hungerstillenden Botenstoffes im Blut, so nimmt auch die Leptin-Sensitivität der Zellen ab und es kommt zu einer Resistenz. Das Hormon kann dann seine Aufgabe nicht mehr erfüllen und das Hungergefühl bleibt bestehen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass unser Körper die nächtliche Ruhe dringend braucht, um seine Botenstoffe zu koordinieren. Nehmen wir ihm diese Zeit, so gerät viel mehr durcheinander, als man für möglich hält, und nicht nur das Gemüt ist gefährdet zu entgleisen . . .

Paul Ehrenberger-Ebert, B. Sc.

Alter: 24 Jahre
Beruf: Technische Physik, laufendes Studium Pharmazie

Mein Bildungsweg der letzten Jahre verfolgte immer ein zentrales Ziel: die Natur besser zu verstehen. Unser Vater sagte immer: „Die Physik ist die Mutter aller Naturwissenschaften.“ Folglich begann ich mit einem Physikstudium an der TU Wien. Nun, da es abgeschlossen ist, finde ich Freude daran, physikalische Prinzipien in Disziplinen wie Chemie, Biologie und Medizin zu entdecken. Daher wählte ich im Jahr 2020 Pharmazie als ein Studium, das all diese Fachgebiete vereint. Naturmedizin wurde uns in die Wiege gelegt, wodurch sie sowohl zum Interessensgebiet als auch zum persönlichen Lebensstil für mich wurde.

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